Das »Paradox der Anerkennung«: Durch das Denken in Ungleichheitskategorien wie Rassifizierung, Geschlecht, Klasse oder Be_hinderung werden diese Kategorien selbst wiederhergestellt. Beispiele, an denen dieses Paradox anschaulich wird: Die erste Publikation des »Arts Learning Network«, das 2005 in England gegründet wurde, um soziale Ausschlüsse im Kunststudium zu bekämpfen, trug den Titel Don´t put us in your Boxes (Steckt uns nicht in Eure Schubladen). Dabei handelte es sich um eine Forderung der Sprecher_innen der 1800 Studierenden, die das Netzwerk zwischen 2005 und 2009 aktiv unterstützt hatte. Einerseits ist es also notwendig, Benachteiligungen zu identifizieren und zu benennen, um mit den betroffenen Student_innen gemeinsam gegen die klassistischen, rassistischen, ableistischen und sexistischen Strukturen der Hochschulen arbeiten zu können. Andererseits ist es ein Teil dieses Kampfes gegen Diskriminierung, die Student_innen nicht auf Merkmale sozialer Benachteiligung zu reduzieren und festzuschreiben. Von einem Beispiel, bei dem die Anerkennung von intersektionaler Diskriminierungserfahrung neue Artikulationräume öffnet, schreibt Miriam Schickler in ihrem Text über die Arbeit der *foundationClass. In der *foundationClass bereiten sich Künstler_innen mit Fluchterfahrung auf die Aufnahmeprüfung an Kunsthochschulen vor. Die Teilnehmenden weisen dabei die von außen immer wieder an sie gerichtete Erwartung zurück, ihr Wissen und ihren Status als Geflüchtete in ihrer Kunst thematisieren zu müssen. Als Selbstbehauptung und strategische Gegenwehr entstand aus der *foundationClass heraus ein Kollektiv gleichen Namens, dass solche Projektionen der Mehrheitsgesellschaft künstlerisch bearbeitet und spiegelt.

Ungleichheitskategorien verschwinden nicht dadurch, dass eine_r so tut, als gäbe es sie nicht. Werden sie kritisch verwendet, machen sie die Vielschichtigkeit und Komplexität von Geschichten deutlich, schaffen Artikulationsräume und reproduzieren keine Herrschaftsverhältnisse.

Wann und wie wehrt Ihr Euch gegen Zuschreibungen – eigene und die von anderen? (Wie) öffnen sich dadurch für wen Artikulationsräume?

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